Grohe Objektreportagen
Grohe Objekt 16
Oberstufenzentrum Berlin-Weißensee

Interview

Das Berliner Architekturbüro ReimarHerbst.Architekten wurde 1997 gegründet. Der Schwerpunkt liegt unter anderem in der Planung von Verwaltungsbauten, Schul- und Hochschulgebäuden, Bibliotheken und dem Bauen im Bestand. Ein aktuelles Projekt der Architekten ist das Technikum der Hochschule für Technik und Wissenschaft in Saarbrücken.

Reimar Herbst / Angelika Kunkler, ReimarHerbst.Architekten, Berlin
Im Interview: Reimar Herbst

Sehr geehrter Herr Herbst, bitte erläutern Sie uns kurz das Ausbildungskonzept des Oberstufenzentrums.
Die beiden Oberstufenzentren (OSZ) Bautechnik II und Holztechnik bieten in Berlin-Weißensee gemeinsam eine Vielzahl von Ausbildungsgängen an: Bauzeichner, Bauwerksmechaniker, Betonbauer, Fassadenmonteure, Gerüstbauer, Maurer, Zimmerer, Holz- und Glasmechaniker, Bodenleger, Glaser, Parkettleger und Tischler gehen hier zur Berufsschule, absolvieren die Fachoberschule oder erlangen die Hochschulreife. Durch das zusätzliche Angebot berufsvorbereitender Lehrgänge, ohne betriebliche Anbindung, nimmt die Praxis einen immer höheren Stellenwert im Ausbildungskonzept ein.

In den Holzwerkstätten des Werkstatt- und Laborhauses wird den Schülern die praktische Seite ihres Berufs vermittelt

Welche Ausgangslage fanden Sie, bezogen auf die bestehenden Gebäude und die städtebauliche Umgebung, vor?
Wir besuchten den Standort im Nordosten Berlins erstmals im Sommer 2004, nachdem wir im Auswahlverfahren zum beschränkten Wettbewerb eingeladen worden sind. Zu dieser Zeit fand hier der Ausbildungsbetrieb im OSZ Bautechnik II noch in zwei, den Straßenfluchten folgenden, Typenriegeln des vom Wohnungsbaukombinat 1967 entwickelten Schulbau-Typs SK-Berlin statt. Das städtebauliche Umfeld des Oberstufenzentrums war und ist geprägt durch eine sehr heterogene Struktur mit einem diffusen, eher vorstädtischen Charakter. In der unmittelbaren Umgebung befinden sich weitläufige Friedhofsanlagen, Kleingartenanlagen, Gewerbegrundstücke und eine Oberschule.

Wie lautete die Bauaufgabe für den Neubau?
Wegen Mängeln in der Bausubstanz aber auch aus funktionalen Gründen sollten die beiden Typenbauten durch Neubauten ersetzt werden. Die kurz zuvor sanierte Sporthalle und die neu errichtete Abbundhalle im Innenbereich des Grundstücks sollten dagegen erhalten und in das Neubaukonzept integriert werden. Für insgesamt 1300 Schülerplätze der beiden Oberstufenzentren waren neue Raumkapazitäten, flexibel nutzbare Fachraumarten und Sportaußenanlagen zu realisieren. Obwohl beide Oberstufenzentren organisatorisch eigenständige Einheiten bilden, sollte die benachbarte Anordnung von Bereichen, Fachräumen und Werkstätten eine bei Bedarf flexible Nutzbarkeit ermöglichen.

Wie sah Ihr Entwurfskonzept aus?
Wir wollten mit den Neubauten einen baulichen Akzent innerhalb der heterogenen Nachbarschaft setzen und unter Einbeziehung der bestehenden Gebäude einen einprägsamen Ort für eine öffentliche Institution schaffen. Durch die Setzung von klaren und einfachen Baukörpern am Grundstücksrand, konnten wir den städtischen Raum als Adresse definieren. Am Haupteingang kragt das Schulhaus auch zeichenhaft weit aus und eine lange Sitzbank wird von den Schülern inzwischen ausgiebig genutzt. Die Ausformulierung von zwei Häusern, ein Schulhaus und ein Werkstatt- und Laborhaus, ergibt sich aus dem Konzept einer räumlichen Zonierung in zwei miteinander verknüpfte Grundstücksteile. Die Hierarchisierung in der Gebäudehöhe folgt der in der Nutzungsintensität, von "ruhig nach laut" bzw. "sauber nach schmutzig". Es entstehen für das Schulhaus ruhige Bereiche, die den ungestörten Lehrbetrieb ermöglichen, für das Werkstatt- und Laborhaus mit abgerücktem Lagerhaus dagegen praxisorientierte Bereiche der Aktivität. Die jeweiligen Nutzungen können in die direkt zugeordneten Freiflächen erweitert werden. Alle Schulgebäude, die bestehende Sporthalle, die bestehenden Nebengebäude und die Neubauten verbinden sich über die Freiflächen zu einer räumlich-funktionalen Einheit. Das viergeschossige Schulhaus öffnet sich mit seinen Fluren zum innen liegenden, ruhigen Hof, dem gemeinsamen Raum in einem offenen Neubau. Von dieser Idee ist die Organisation des Schulhauses bestimmt. Interne Hallen mit Galerien verknüpfen jeweils zwei Obergeschosse und ermöglichen Offenheit und Kommunikation. Im zweigeschossigen Werkstatt- und Laborhaus umschließen die beiden Bereiche Bautechnik und Holztechnik gemeinsam einen Hof. Die Werkstätten im Erdgeschoss lassen sich über Türen niveaugleich in diesen Werkhof erweitern. Mit der räumlichen Konzentration der Werkstattbereiche wird eine intensive Arbeitsatmosphäre ermöglicht.

Die Fensteröffnungen bestehen aus Betonfertigteilen, die vor die tragende Fassade gehängt wurden

Bitte erläutern Sie uns die Besonderheit der Fassade.
Der Fassadenentwurf folgt für beide Häuser dem gleichen modularen Prinzip. Alle Außenfassaden erhielten eine Bekleidung aus orange bunten Wasserstrich-Klinkern mit unregelmäßiger Oberfläche und Fensteröffnungen, die mal paarweise, mal einzeln von auskragenden Rahmen aus durchgefärbtem Beton umfasst werden. Dazu wurden große Betonfertigteile, jeweils von zwei Fensteröffnungen mit umlaufenden Ausstülpungen durchbrochen, vor die tragende Fassade gehängt. Die danach vorgemauerten Klinker lassen nur die Umrahmungen mit gesandstrahlter Oberfläche sichtbar.
Die Fassadenverkleidung der Höfe unterscheidet sich und stärkt dadurch den jeweiligen besonderen Charakter. Der Hof des Schulhauses wurde mit senkrechten Lärchenholzlatten verkleidet, deren Oberflächen nicht behandelt wurden. Der Hof des Werkstatthauses dagegen erhielt eine robuste Fassadenbekleidung aus großformatigen, durchgefärbten Betonelementen mit offenen Fugen und bodentiefen Fensteröffnungen.

Die Fassade des Innenhofs wurde mit Lärchenholz verkleidet

Für welche Materialien haben Sie sich in den Innenräumen entschieden?
Durch die Schülerschaft war eine sehr hohe Nutzungsintensität zu erwarten. Dies erfordert von der Architektur eine gewisse Robustheit. Wir haben auf dauerhafte Oberflächen, wie Gussasphalt, Linoleum, Beton, Holz und kräftige Dimensionierungen mit raumhohen Fensterrahmen und massive Türzargen aus Eichenholz gesetzt. Auch waren uns saubere Anschlüsse, z.B. Eichenholzbrüstungen und -verkleidungen, wichtig. Die Materialien wurden von uns möglichst authentisch bzw. unbehandelt verwendet. In den Innenräumen stehen helle Wandoberflächen im Kontrast zu dunklen Böden. Fast alle Böden erhielten einen anthrazitfarbenen Gussasphaltestrich, dessen Oberfläche geschliffen und in den Unterrichtsräumen, mit dunkelrotem Linoleum belegt wurde. Die Holzwerkstätten erhielten ein massives Holzpflaster. Alle Treppen besitzen eine Betonoberfläche und geschlossene Brüstungen aus Eichenholz. In den Werkstätten und Laboren haben wir raumakustisch wirksame Filz-Baffel senkrecht von der Decke abgehängt. Die Cafeteria und die Bibliothek im Schulhaus erhielten eine goldfarbene Metallröhren-Decke.

Das Foyer ist mit robusten Materialien, wie Beton und Gußasphalt, ausgestattet

Die Sanitäranlagen in Bildungseinrichtungen werden stark beansprucht. Welche Faktoren können Ihrer Meinung nach die Langlebigkeit erhöhen?
In den Sanitäranlagen ist es besonders wichtig, dass die Materialien robust sind. Sanitäranlagen gehören zu den allgemeinen Bereichen, in denen die gewünschte Unbeobachtetheit auch ausgenutzt werden kann und oft zu vermehrtem Vandalismus führt. Es gilt hier, mögliche Angriffsflächen durch eine klare, überschaubare Organisation und eine angemessene Materialität zu verringern. Das bedeutet insbesondere: Robuste Materialien, dauerhafte Oberflächen, kräftige Dimensionierungen und leicht zu bedienende, möglichst nicht manuell bewegliche Elemente.

Welche Kriterien ergeben sich daraus für die Wahl der Armaturen?
Grundlage für die Wahl der Armaturen war die klare, robuste, funktionelle Ausführung, welche im Hinblick auf Beschädigungen durch Vandalismus wenig Angriffspunkte bietet. Letztlich zählen bei einem Gebäude, das mit öffentlichem Bauherrn und öffentlicher Ausschreibung realisiert wird, der Preis und das Preis-Leistungsverhältnis.